Nr. 49/06, 1. Dezember 2006

Polen nur Opferlamm?

Interview mit Autor Joachim Nolywaika

Bundeskanzlerin Merkel betont bei jeder Gelegenheit, dass ihr die Freundschaft mit Polen ganz besonders am Herzen liege; in ihren Adern pulsiere gar polnisches Blut. Eine derartige Unterwürfigkeit kommt der extrem nationalistischen Kaczynski-Regierung gerade recht. In jeder Hinsicht. Darüber sprachen wir mit dem Autor Joachim Nolywaika, der eben sein neues Werk „Polen – nicht nur Opfer“ (187 S. 14,80 Euro, Deutsche-Stimme-Verlag Riesa) vorgelegt hat. Nolywaika, 1924 direkt an der 1922 willkürlich gezogenen deutsch-polnischen Grenze in Beuthen (Oberschlesien) geboren, zählt als mehrfach ausgezeichneter Frontsoldat und Heimatvertriebener zur „Erlebnisgeneration“ und ist ein profunder Kenner der Zeitgeschichte. Von ihm stammten zahlreiche Bücher. Wir haben mit Joachim Nolywaika gesprochen.

Alle Schuld den Deutschen?

National-Zeitung: In den letzten Jahrzehnten hat es sich im Gegensatz zur Anfangszeit der Bundesrepublik eingebürgert, alle Schuld der deutsch-polnischen Geschichte unserem Volk anzulasten. Kohl hat die Verantwortung für die Austreibung den deutschen Wählern der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zugeschoben. Merkel gar erklärt es als ihre vorrangige Aufgabe, Deutschlands Alleinschuld zu propagieren. Wie erklären Sie diese Haltung, die in der Weltgeschichte kein Beispiel findet?

Nolywaika: Schuld ist diese unterwürfige Selbstgeißelung, diese Mea-Culpa-Haltung, mit der Herrschende unentwegt um die Zuneigung ehemaliger Gegner buhlen. Schon Honore de Balzac stellte fest: „Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte: die eine ist die offizielle, verlogene, für den Schulunterricht bestimmte – die andere ist die geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt.“

National-Zeitung: Ist das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit das entscheidende Motiv für die Herausgabe Ihres Buches?

Nolywaika: Absolut! Als Angehöriger der Erlebnisgeneration und Heimatvertriebener musste ich einfach zur Feder greifen, um die damaligen Geschehnisse wahrheitsgemäß zu schildern, zumal die deutsch-polnische Geschichte eben nicht mit der NS-Zeit begann oder beendet wurde.

Einmaliger Vorgang

National-Zeitung: Sehen Sie die Gefahr, dass Warschau immer weitergehende Ansprüche anmeldet und keine Grenze der Anmaßungen mehr kennt, wenn wie derzeit Deutschland eine totale Alleinschuld zelebriert?

Nolywaika: Die ständig wiederholte und von der offiziellen Politik fast täglich zur Schau gestellte „totale deutsche Alleinschuld“ reizt Polen zu immer neuen Ansprüchen auf allen nur möglichen Gebieten. Wenn man bedenkt, dass es Polen gelang, in nur zweieinhalb Jahrzehnten sein Staatsgebiet durch die Annexion urdeutscher Gebiete fast zu verdoppeln – ein einmaliger Vorgang in der jüngeren europäischen Geschichte – ist alles möglich.

National-Zeitung: Ist auch das Regiment der Zwillinge Kaczinsky letztlich das Ergebnis dieser Buß- und Sühnehaltung der deutschen Seite? Canossa war auf einen kurzen Zeitraum beschränkt und hatte den Sinn, durch den Bußgang zu einer Entschuldung zu kommen. Merkel aber will selbst auf heute noch ungeborene Deutsche eine Kollektivhaftung ausdehnen. Wie sehen Sie, Herr Nolywaika, die Konstruktion einer derartigen Erbsünde, die Politiker, die unser Volk besonders lieben, uns aufzwingen wollen?

Nolywaika: Unglaublich, verwerflich – und es ist auch in keiner Weise mit ihrer Eidesformel zu vereinbaren, in der es immerhin heißt: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde …“

Eine Kollektivschuld bzw. Kollektivhaftung gibt es nicht, weder gegenwärtig noch in Zukunft. Es gibt nur eine individuelle Schuld. Das Regime der Brüder Kaczinsky möchte wohl gern an polnisches Machtstreben nach 1918 und 1945 anknüpfen und denkt nicht entfernt daran, eine Wiedergutmachung zu leisten.

Geschenk für den Frieden?

National-Zeitung: Gemäß ihren Äußerungen leidet Merkel unter der Gaspipeline, die durch die Ostsee an Polen vorbeigeführt und Deutschland mit Energie versorgen wird. Weder eine Erpressung noch gar ein Stopp der Gaslieferung durch Warschau wird möglich sein. Ist die Wiederherstellung der deutsch-russischen Symbiose nicht das schönste Geschenk für den Frieden in Europa?

Nolywaika: Ja, das ist es tatsächlich. Denn bei aller Kritik an Ex-Kanzler Schröder gehört das deutsch-russische Energie-Projekt zu den wenigen Objekten deutscher Nachkriegspolitik, die den Interessen unseres Landes und seiner Wirtschaft gerecht werden. Gleichzeitig vertieft es die so wichtige Annäherung an Russland.

Ahnungslosigkeit

National-Zeitung: Könnte die nationalmasochistische Haltung heute führender deutscher Politiker vielleicht so zu erklären sein, dass diese Leute den wirklichen Ablauf der Geschichte nicht kennen? Sie haben möglicherweise noch nie von den polnischen Aufständen nach dem Ersten Weltkrieg, der Drangsalierung und Massakrierung vieler Deutscher im polnischen Staatsgebiet, der widerrechtlichen Abtrennung großer deutscher Gebiete in Oberschlesien, Westpreußen usw. erfahren. Auch nicht vom polnischen Expansionismus gegenüber Russland. Dafür glaubt Merkel, in ihr fließe polnisches Blut.

Nolywaika: Man muss es annehmen, ja voraussetzen, dass führende bundesdeutsche Politiker der Gegenwart und der Vergangenheit den wirklichen Ablauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts und zuvor nicht kennen. Denn anders lassen sich einfach die Handlungen besonders von Kohl und Merkel im deutsch-polnischen Verhältnis nicht erklären. Bedauerliche Irrwege bei der Bewältigung unterschiedlicher Positionen ging die „deutsch-polnische Schulbuchkommission“. Anstatt nüchtern und wahrheitsgemäß die gemeinsame Geschichte darzustellen, wurde unter deutscher Mitwirkung lediglich polnischen Schilderungen zugestimmt. Schlimmstes Beispiel ist die Unterschlagung des Völkerverbrechens der Vertreibung und Annexion.

National-Zeitung: In Deutschland Herrschende behaupten, es sei für die deutsche Jugend hilfreich und sinnvoll, sich laufend mit historischen deutschen Untaten zu beschäftigen. Wie mag es zu erklären sein, dass alle anderen Staaten und Völker der gegenteiligen Praxis huldigen und beispielsweise gar die Ausrottung Dutzender Millionen der rechtmäßigen Ureinwohner Amerikas nicht einmal eine Erwähnung wert ist?

Nolywaika: Schuld daran ist die so erfolgreich verlaufene Umerziehung und die dadurch hochgezüchtete Schuldneurose, durch die wir quasi die ganze Verantwortung für Verbrechen im gesamten 20. Jahrhundert übergestülpt bekommen haben.


Weiterführende Literatur:

Joachim Nolywaika: Polen – nicht nur Opfer. 187 S.,€ 14,80

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